Oetelshofen und Rheinkalk pumpen Grundwasser ab: Landesbehörde stuft Grundwassermengen in Kalkabbaugebieten als kritisch ein

In den letzten Wochen waren Trockenheit und Wassermangel immer wieder ein Thema in den Medien. In einigen Städten wurden Feuerwehrfahrzeuge eingesetzt, um Bäumen zu gießen. Es gab zudem Berichte über sterbende Bäume durch eine Kombination von Hitze und Trockenheit. Auch in Wuppertal und Haan-Gruiten ist das ein Thema. Wasser ist nicht nur eine der Lebensgrundlagen für Pflanzen und Bäume. Es ist die Lebensgrundlage für alle Lebewesen auf der Erde, auch für uns Menschen. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) stuft die Mengen an Grundwasser unter Haan-Gruiten und Teilen von Wuppertal-Vohwinkel als „schlecht“ ein. Trotzdem sollen riesigen Mengen an Grundwasser genau dort durch die Firma Oetelshofen bis einschließlich 2047 weiterhin abgepumpt werden.
 
2013 bekam Oetelshofen die Genehmigung, 11 Millionen Kubikmeter Grundwasser pro Jahr im Steinbruch Osterholz abzupumpen [4]. Die Stadt Wuppertal erteilte die Genehmigung, obwohl in einem Gegengutachten, das von der Stadt Haan in Auftrag gegeben wurde, große Bedenken geäußert wurden [1]. In dem Gegengutachten des Ingenieurbüros Heitfeld-Schetelig aus Aachen geht es um die Auswirkungen der damaligen Erweiterung des Steinbruchs Osterholz auf dem Stadtgebiet Haan. Das Büro des renommierten Hydrogeologen hielt es in dem Gegengutachten für wahrscheinlich, dass sich die für den Kalkabbau nötige „Sümpfung“ negativ auf die Grundwasser-Landschaft im Gruiten-Dornaper Massenkalkzug und die angrenzenden Schiefergebiete westlich von Gruiten auswirken wird. Dabei hat der Gutachter Konsequenzen auch für die angrenzenden Gebiete der Städte Erkrath und Mettmann nicht ausgeschlossen. Nach unserem Kenntnisstand gab die Stadt Wuppertal damals kein Gutachten in Auftrag.
 
Immer wieder fallen die Grundwasserkörper (GWK) Gebiete 27_15 und 27_16 in offiziellen Berichten auf. Das sind die GWKs der Massenkalkgebiete in Wuppertal. Unter der Steingrube Osterholz liegt GWK 27_16, dieser GWK umfasst auch Gruiten und Teile von Wuppertal-Vohwinkel. In einem Dokument von 30. Juni 2014 [2] auf https://www.flussgebiete.nrw.de/, einer Webseite vom Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, steht auf Seite 4: „Die Ursache für den schlechten mengenmäßigen Zustand der Grundwasserkörper des Wuppertaler Massenkalks liegt in der Sümpfung durch die Kalkabbaue. Bedingt durch Abbaumethoden, für die es keine technisch machbare wirtschaftliche Alternative gibt, wird den beiden Grundwasserkörpern mehr Grundwasser entzogen als sich neu bildet. Dieser Zustand wird voraussichtlich noch über mehrere Jahrzehnte anhalten, bis der Kalkabbau abgeschlossen ist. Daher sind weitere Maßnahmen kurz- und mittelfristig weder möglich noch sinnvoll. Im Rahmen des Kalkabbaus erfolgen bereits Maßnahmen zur Minderung der Umweltauswirkungen. Es wird eine Ausnahmeregelung bezüglich der Erreichung der Bewirtschaftungsziele für den mengenmäßigen Zustand beantragt.“ Auf Seite 9 vom gleichen Dokument ist zu lesen, dass der mengenmäßige Zustand von GWK 27_15 und GWK 27_16 schlecht ist. Die Mengenbilanz wird als „nicht ausgeglichen“ qualifiziert. Deweiteren steht auf Seite 9 auch, dass es signifikant fallende Trends gibt, was die Menge an Grundwasser in beiden GWKs betrifft und dass dies Auswirkungen auf die Oberflächenwasserkörper (OFWK) hat.
 
 
 
Im Grundwasserteil vom Bewirtschaftungssplan 2016-2021 [3] schreibt LANUV auf Seite 96: „In mengenmäßiger Hinsicht als gefährdet eingestufte Grundwasserkörper im Rheineinzugsgebiet (zweite Bestandsaufnahme) (…) 27_15 Wuppertaler Massenkalk· 27_16 Wuppertaler Massenkalk“. Auf Seite 136 heißt es: „Bei den drei Grundwasserkörpern 27_15, 27_16 und 27_08 ist die Grundwasserbilanz aufgrund hoher Entnahmen (Sümpfungen) nicht ausgeglichen. Dies sind die Grundwasserkörper des Wuppertaler Massenkalks (Kalksteinabbau) und ein Grundwasserkörper in der Niederung des Rheins.“ Auf Seite 188 geht es weiter mit „Im Teileinzugsgebiet Rheingraben-Nord erreichen derzeit neun Grundwasserkörper (von insgesamt 32 GWK) in mengenmäßiger Hinsicht nicht den guten Zustand. Es handelt sich dabei um sieben linksseitige Grundwasserkörper der quartären Lockergesteinsgebiete der Niederung des Rheins (27_01, 27_02, 27_04, 27_05, 27_06, 27_08 und 27_18) und zwei Grundwasserkörper im rechtsrheinischen Devon des Wuppertaler Massenkalkes (27_15, 27_16), wie oben angegeben und begründet.“ Auf Seite 227 wird klar, dass es in den kommenden Jahren wahrscheinlich nicht besser wird: „Die betroffenen Grundwasserkörper 27_15 und 27_16 können das Bewirtschaftungsziel für den mengenmäßigen Zustand aufgrund der durch den Kalkabbau bedingten Sümpfungsmaßnahmen bis 2015 und voraussichtlich auch bis zum Jahre 2027 nicht erreichen. Die Zielerreichung ist praktisch unmöglich, weil der Kalkabbau noch bis maximal 2048 anhält und sich danach nur sehr allmählich wieder der ursprüngliche Grundwasserstand einstellt. Ein Kalkabbau ohne künstliche Grundwasserabsenkung ist nur dort möglich, wo sich die Abbausohle natürlicherweise oberhalb des Grundwasserspiegels befindet, was in den betreffenden Tagebauen nicht der Fall ist.“
 
Im Planfeststellungsbeschluss der Stadt Wuppertal vom 26. März 2013 [4] geht hervor, dass die Firma Oetelshofen zur Beobachtung der Grundwasserstände, insbesondere im Bereich des westlichen Düsseltals (Grundwasserscheide), ein Hydromonitoring durchzuführen muss. Die Firma überwacht also selbst und muss die Ergebnisse an die Behörden melden. Aus einem Monitoring Leitfaden vom LANUV von 23. November 2018 geht hervor, dass das Landesamt selbst kein Monitoring in dem Wuppertaler Massenkalkgebiet durchführt. Auf Seite 58 steht: „In NRW wird das überblicksweise Monitoring für jeden [11] GWK durchgeführt, also auch für solche GWK, deren Zielerreichung im Rahmen der Bestandsaufnahme als „wahrscheinlich“ angesehen wird.“ Unter [11] steht dann aber: „Eine Ausnahme bilden derzeit infolge Bergbauaktivitäten leergesümpfte GWK (kein Messnetz: 274_06, 286_08, 27_15, 27_16), in denen zurzeit kein Grundwassermonitoring möglich ist. (…).
 
Aus einem Dokument [5] auf https://wassernetz-nrw.de/, einem Projekt der Umweltorganisationen BUND-NRW, NABU-NRW und LNV-NRW, geht hervor, dass GWK 27_16 auch ein Gebiet der sogenannten Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (eine Naturschutz-Richtlinie der Europäischen Union, FFH) beeinflusst: das Neandertal. Auch laut diesem Dokument wird das Monitoring für das Neandertal von den Firmen Rheinkalk GmbH und Iseke GmbH & Co (Steinbruch Osterholz, Oetelshofen) übernommen. Die Landesbehörden selbst kontrollieren nicht. Unter GWK 27_16 liegt auch noch das Naturschutzgebiet Dolinengelände Krutscheid. Dieses Gebiet ist Teil vom Osterholz und liegt in Wuppertal-Vohwinkel. Dieses Naturschutzgebiet umfasst eine unterschied- lich strukturierte Waldfläche. Vor allem in den Randgebieten treten bis zu 25 m hohe Buchen und Eschen auf. Durch die Tiefe der Wurzeln der Bäume in dieses Gebiet ist stark davon auszugehen, dass auch sie durch die Absenkungen vom Grundwasser von Trockenheit bedroht sind. 
 

Screenshot Luftaufnahme GWK 27_16 (untere) auf https://www.elwasweb.nrw.de/elwas-web/index.jsf#

Neben der Rodung von 5 Hektar Wald für den Abfall der Firma Oetelshofen, wird das gesamte Osterholz Wald durch Trockenheit bedroht. Die Absenkung vom Grundwasser ist eine zusätzliche Belastung für den Wald. Zusätzlich betrifft der schlechte Mengenzustand auch Haan-Gruiten und Teile von Wuppertal-Vohwinkel. Besonders durch großräumige und lang anhaltende Grundwasserabsenkungen können in naheliegenden Ortschaften Schäden an Gebäuden auftreten. Es ist mittlerweile allgemein bekannt, dass viele Wälder und Bäume in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus durch Trockenheit sterben. Deswegen fordert BUND Vorsitzende Hubert Weiger: „Um die gestressten Wälder besser gegen die Auswirkungen der Klimakrise zu schützen, müssen wir sie schonender behandeln. Wir müssen unsere Wälder endlich ökologisch verträglich bewirtschaften, sodass mehr Feuchtigkeit im Wald verbleibt und dieser sich selbst stabilisieren kann. Das bedeutet: weniger drastische Eingriffe für die Holzernte, ein Stopp der Entwässerung von Wäldern und die Vermeidung der Verdichtung von Waldböden durch Befahrung.“
 
Es wird höchste Zeit, dass mehr nach ökologisch vertretbaren Alternativen für den Rohstoff Kalk geforscht wird. Im Herstellungsprozess für braunen und weißen Zucker wird Kalk benötigt. Aber Produkte die braunen oder weißen Zucker ersetzen, gibt es jetzt schon. Für Vollrohrzucker und viele natürliche Zuckerersatzprodukte wie z.B. Birkenzucker wird z.B kein Kalk benötigt. Auch bei der Herstellung des sogenannten Portlandzement wird Kalk benötigt. Aber auch da gibt es bereits jetzt erste Resultate, um Zement in Zukunft ohne Kalk herstellen zu können [6]. Es ist wichtig, den massiven CO2-Ausstoß beim Kalkbrennen und das Absenken von Grundwasser schnellstmöglich zu beenden. Eine Zukunft ohne Kalk würde da einen großen Beitrag liefern. 
 
Osterholz Bleibt, 30. Juli 2019 

[6] PDF Datei: zementohnekalk
Teile diesen Beitrag

Schreibe einen Kommentar